von Axel Hillebrandt
Nähe ist Arbeit: Warum echte Führung unbequem ist - Artikel 6
Auf einer Intensivstation gibt es keine Distanz. Wie auch. Man steht neben Menschen die leiden. Die Angst haben. Die sterben. Man sieht ihren Schweiß, ihre Tränen, ihre Verzweiflung. Man riecht sie. Man hört sie atmen. Oder nicht mehr atmen.
Das ist unbequem. Das ist emotional belastend. Und genau deshalb ist es "harte" Arbeit.
Nähe ist keine Selbstverständlichkeit. Nähe ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung nah dran zu sein, auch wenn es unangenehm ist. Eine Entscheidung sich nicht zu distanzieren, auch wenn es einfacher wäre. Eine Entscheidung auszuhalten, was andere nicht aushalten wollen und wenn wir fair sind, möglicherweise einfach nicht können.
In der Führung ist es doch genauso. Wer führt muss nah dran sein. An den Menschen die er führt. An den Problemen die sie haben. An den Konflikten die entstehen. Und an den Emotionen die damit verbunden sind. Ich spreche hier aber nicht von den Führungskräften, die abertausende Menschen unter sich stehen haben; das ist ein ganz anderes Parkett.
Aber viele Führungskräfte tun das nicht. Sie halten Distanz. Sie managen aus der Ferne. Sie schauen auf Zahlen, statt auf Menschen. Sie delegieren Probleme, statt sie zu lösen. Sie kommunizieren über E-Mails, statt Gespräche zu führen. Das ist kein Führen. Das ist Verwalten.
Führung bedeutet (zumindest für mich), unbequem nah dran zu sein. Das bedeutet nicht, dass man keine Grenzen hat. Das bedeutet nicht, dass man sich emotional aufreiben muss. Aber es bedeutet dass man sich nicht distanziert, nur weil es bequemer ist.
Nähe ist Arbeit. Emotionale Arbeit. Man muss zuhören wollen, können, auch wenn man keine Zeit hat. Man muss da sein, auch wenn man lieber woanders wäre. Man muss Konflikte aushalten, auch wenn man sie lieber vermeiden würde. Und man muss sich mit Menschen auseinandersetzen, die einen emotional fordern. Merke: Es gibt keinen Weg daran vorbei. Früher oder später ist die Konfrontation da. Und dann ist es meistens mehr Arbeit, mehr Theater, mehr Unruhe. Das ist anstrengend. Aber genau das ist Führung.
In der Pflege lernt man das schnell. Dort kann man sich nicht distanzieren. Dort muss man nah dran sein. Weil man sieht was passiert, wenn man es nicht ist. Ein Patient der Angst hat braucht jemanden der da ist. Nicht jemanden der aus der Ferne Anweisungen gibt. Ein Angehöriger der verzweifelt ist, braucht jemanden der zuhört. Nicht jemanden der Floskeln von sich gibt. Ein Team das überlastet ist, braucht jemanden der hilft. Nicht jemanden der nur kontrolliert.
Nähe bedeutet nicht dass man alles selbst macht. Nähe bedeutet dass man präsent ist. Dass man sieht was los ist. Dass man versteht was die Menschen brauchen. Und dass man handelt bevor es zu spät ist. In Unternehmen ist das nicht anders. Ein Team das unter Druck steht braucht jemanden der da ist. Ein Mitarbeiter der ein Problem hat, braucht jemanden der zuhört. Ein Konflikt der eskaliert, braucht jemanden der eingreift. Aber wie viele Führungskräfte sind nicht da? Sie sind in Meetings. Sie sind auf Reisen. Sie sind in Calls. Sie sind überall, nur nicht bei den Menschen die sie führen sollen. Möglicherweise ist der anschließende LinkedIn-Post wichtiger oder die Berufung dieses zu tun ist nicht auf der Flughöhe auf der man sich sieht.
Und dann wundern sie sich warum die Teams nicht funktionieren. Warum die Mitarbeiter unzufrieden sind. Warum die Konflikte eskalieren. Das geschieht zuerst innerhalb einer Abteilung und anschließend interdisziplinär. Die Antwort ist dann einfach: Weil niemand da war.
Nähe ist unbequem. Man sieht Dinge die man lieber nicht sehen würde. Man hört Dinge die man lieber nicht hören würde. Man muss sich mit Emotionen auseinandersetzen, die einen selbst belasten (könn(t)en). Aber genau das ist Führung. Führung ist nicht bequem. Führung ist nicht distanziert. Führung ist nah dran. An den Menschen. An den Problemen. An der Realität. Wer Distanz hält, managt. Wer nah dran ist, führt.
Das bedeutet nicht, dass man keine Grenzen braucht. Man braucht sie. Man muss sich schützen. Man muss aufpassen dass man sich nicht emotional aufreiben lässt. Aber man darf sich nicht distanzieren, nur weil es bequemer ist.
Ich habe gesehen wie Führungskräfte versuchen, Nähe zu delegieren. Sie sagen: Dafür ist HR da. Dafür sind die Team-Leads da. Dafür sind die Kollegen da.
Aber Nähe kann man nicht delegieren. Nähe ist keine Aufgabe, die man abgibt. Nähe ist eine Haltung. Und wer sie nicht hat (möchte/wil), kann nicht führen. In der Intensivpflege gibt es keine Stellvertreter für Nähe. Man kann nicht sagen: Geh du mal hin, ich habe jetzt keine Zeit. Man muss selbst hingehen. Man muss selbst da sein. Man muss selbst aushalten. Warum? Weil man für diesen Menschen verantwortlich ist. Weil man diesen Menschn am Dienstende "übergibt". Weil man Teil der Therapie ist. Und genau das gilt auch für Führung - egal ob im Mittelstand, in der Pflege, im Verein, ......
Nähe ist Arbeit. Aber sie ist die wichtigste Arbeit die eine Führungskraft hat. Weil ohne Nähe kein Vertrauen entsteht. Und ohne Vertrauen kann man nicht führen. Wer nah dran ist sieht, was andere nicht sehen. Wer nah dran ist, versteht, was andere nicht verstehen. Und wer nah dran ist, kann handeln, bevor es zu spät ist.
Das ist der Unterschied zwischen einem Manager und einer Führungskraft. Ein Manager hält Distanz. Eine Führungskraft geht nah ran. Auch wenn es unbequem ist.