von Axel Hillebrandt
Inklusion ist keine Sprache
Es gibt Menschen, die brauchen Unterstützung. Echte Unterstützung. Nicht symbolische. Nicht performative. Echte.
Menschen mit Behinderungen, die keinen Mindestlohn erhalten, obwohl sie arbeiten. Menschen, die keine barrierefreien Zugänge haben, obwohl das Gesetz es vorschreibt. Menschen, die in Behindertenwerkstätten für ein paar Euro am Tag arbeiten, während andere über geschlechtergerechte Sprache diskutieren.
Aber wir reden über Sternchen.
Wir reden darüber, ob man "Mitarbeiter:innen" schreibt oder "Mitarbeitende". Wir streiten über Doppelpunkte, Unterstriche, Sternchen. Wir führen Debatten über Sprachgerechtigkeit, während die, die wirklich Gerechtigkeit brauchen, unsichtbar bleiben. Das ist keine Inklusion. Das ist Ablenkung.
Gendern ist symbolische Politik für eine Minderheit, die bereits Sichtbarkeit hat. Es ist ein Zeichen das man setzen kann, ohne etwas zu ändern. Man kann gendern und trotzdem keine barrierefreien Büros haben. Man kann gendern und trotzdem Menschen mit Behinderungen nicht einstellen. Man kann gendern und trotzdem Pflegekräfte nicht anständig bezahlen.
Es kostet nichts. Es verändert nichts. Aber es fühlt sich gut an (fragt sich nur wie ehrlich und für wen).
Das ist das Problem.
Ich habe nichts gegen Menschen, die sich durch Sprache nicht repräsentiert fühlen. Ich habe nichts gegen Menschen, die sich wünschen, dass Sprache inklusiver wird. Aber ich habe etwas dagegen, dass diese Debatte Ressourcen, Aufmerksamkeit und Energie bindet, die woanders dringend gebraucht werden.
In Deutschland arbeiten Menschen in Behindertenwerkstätten für durchschnittlich etwa 232 Euro im Monat (Quelle). Nicht pro Tag. Pro Monat (!). Als Stundenlohn ergibt das – bei Vollzeit – etwa 1,46 Euro (Verweis). Sie haben keinen Anspruch auf Mindestlohn, weil sie rechtlich nicht als Arbeitnehmer gelten. Sie gelten als "Rehabilitanden". Das bedeutet: Sie arbeiten, aber sie werden nicht bezahlt wie alle anderen. Das ist keine Randnotiz. Das betrifft 2025 rund 300.000 Menschen in Deutschland. Menschen, die arbeiten, die produktiv sind, die Teil der Gesellschaft sein w/sollen. Aber sie werden nicht gesehen. Sie werden nicht gehört. Sie werden nicht unterstützt. Und während sie unsichtbar bleiben, diskutieren wir über Doppelpunkte.
Ich frage mich: Wer profitiert davon?
Nicht die Menschen mit Behinderungen. Nicht die Pflegebedürftigen. Nicht die, die strukturell benachteiligt sind. Sie profitieren nicht von Sternchen. Sie profitieren von Rampen, von Aufzügen, von Arbeitsverträgen, von Gehältern, von Unterstützung.
Aber das ist unbequem. Das kostet Geld. Das verlangt Veränderung. Das verlangt, dass man sich nicht nur gut fühlt, sondern tatsächlich etwas tut. Damit kann man nicht in Talkshows provozieren oder als Influencer likes generieren.
Gendern ist bequem. Es ist sichtbar. Es ist leicht. Man kann es einführen, ohne irgendetwas an den Strukturen zu ändern. Man kann es auf die Website schreiben, in die interne Kommunikation übernehmen, in die Stellenausschreibungen einbauen. Und dann kann man sagen: Wir sind inklusiv.
Aber seid ihr das wirklich? Habt ihr barrierefreie Zugänge? Habt ihr Menschen mit Behinderungen eingestellt? Zahlt ihr euren Pflegekräften ein anständiges Gehalt? Unterstützt ihr die, die wirklich Unterstützung brauchen?
Oder habt ihr nur eure Sprache angepasst? Ich arbeite seit 32 Jahren in der Pflege. Ich sehe wie Menschen kämpfen. Nicht um Sternchen, sondern um Würde. Um Anerkennung. Um faire Bezahlung. Um Unterstützung. Und ich sehe, wie wenig sich ändert, während andere über Sprache streiten. Das ist nicht böse gemeint. Das ist nicht gegen die Menschen gerichtet, die sich durch Sprache nicht repräsentiert fühlen. Aber es ist gegen die Heuchelei. Gegen die Selbstgerechtigkeit. Gegen die Illusion, dass man inklusiv ist, nur weil man gendert.
Inklusion ist keine Sprache. Inklusion ist Struktur. Inklusion ist, Menschen mit Behinderungen einzustellen und nicht nur über sie zu reden. Inklusion ist, barrierefreie Zugänge zu schaffen und nicht nur darüber zu schreiben. Inklusion ist, Pflegekräfte anständig zu bezahlen, nicht nur zu applaudieren.
Inklusion ist unbequem. Sie kostet Geld. Sie verlangt Veränderung. Und genau deshalb wird sie durch Symbolpolitik ersetzt. Ich lehne Gendern nicht ab, weil ich gegen Gerechtigkeit bin. Ich lehne es ab, weil es von Gerechtigkeit ablenkt. Weil es Ressourcen bindet, die woanders fehlen. Weil es eine Stellvertreter-Debatte ist, die die eigentlichen Probleme unsichtbar macht.
Wenn ihr wirklich inklusiv sein wollt, dann fragt euch nicht wie ihr eure Sprache anpasst. Fragt euch, wie ihr eure Strukturen anpasst. Fragt euch, wen ihr einstellt. Fragt euch, wem ihr Zugang gebt. Fragt euch, wen ihr unterstützt.
Und dann handelt.
Alles andere ist Oberfläche.