von Axel Hillebrandt
In der Krise beweist sich der Charakter
Helmut Schmidt sagte: „In der Krise beweist sich der Charakter."
Das ist keine Pathosformel, sondern eine simple Diagnose: Druck entlarvt.
Solange alles läuft, genügt es schöne Pläne zu entwerfen und Schlagworte zu wiederholen. Erst wenn es ungemütlich wird, zeigt sich wer wirklich Verantwortung übernimmt und wer nur Checklisten abarbeitet.
In der Intensivpflege wird dieser Unterschied täglich sichtbar. Dort gibt es keine Aufschubfristen, keine Vertagungen, keine Ausreden. Wenn nachts die Sauerstoffsättigung fällt oder ein Beatmungsgerät alarmiert, zählt keine Strategiepräsentation oder Bullshitbingo mit Buzzwords. Dann zeigt sich wer da ist, wer mitdenkt, wer Verantwortung trägt und wer am nächsten Morgen immer noch trägt.
Empathie ist in solchen Momenten keine Soft Skill, sondern Systemkompetenz. Sie zeigt wo Belastung kippt, bevor es zusammenbricht. Sie erkennt, wann Angehörige nicht mehr können, wann das Team an die Grenze kommt, wann Strukturen versagen und wann Hirarchien scheitern. Wer das ignoriert, verliert nicht nur Menschen: er verliert die Steuerungsfähigkeit.
Für mich ist Strategie keine Akte, sondern die Fähigkeit auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Charakter bedeutet: Klarheit, Verbindlichkeit, Standfestigkeit und Loyalität. Auch dann, wenn niemand zuschaut. Auch dann, wenn es weh tut.
Und genau da zeigt sich wer am Tisch mit entscheidet und wer nur von der Tribüne aus erklärt, wie man es besser hätte machen sollen. Was darf und muss aber hier gemacht werden? Kommunikation!
Verantwortung ist keine Haltung für Sonnentage
Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Sie lässt sich auch nicht in Organigramme zeichnen oder in Stellenbeschreibungen verankern. Verantwortung entsteht im Moment, in dem jemand sagt: Ich übernehme das. Und dann tatsächlich übernimmt.
In der Intensivpflege bedeutet das: präsent sein, wenn es kritisch wird. Entscheidungen treffen, auch wenn die Datenlage dünn ist. Aushalten, wenn Angehörige verzweifeln. Und weitermachen, obwohl man selbst längst erschöpft ist.
Das Problem ist nicht dass Menschen in Krisen versagen. Das Problem ist, dass viele Systeme so gebaut sind, dass Verantwortung diffundiert. Es gibt Zuständigkeiten, aber keine Verantwortlichen. Es gibt Prozesse, aber keine Personen. Es gibt Dokumentation, aber keine Entscheidung.
Wer in der Intensivpflege arbeitet, kennt diese Logik. Da gibt es Pflegekräfte, die nachts allein auf Station stehen und Entscheidungen treffen müssen für die sie eigentlich nicht zuständig sind. Weil niemand sonst da ist. Da gibt es Angehörige die Unterschriften leisten müssen, obwohl sie emotional längst nicht mehr in der Lage sind zu unterscheiden, was richtig ist.
Charakter zeigt sich darin, dass man nicht fragt: Wer ist zuständig? Sondern: Was ist jetzt nötig?
Empathie als Frühwarnsystem
Empathie wird gerne missverstanden. Sie gilt als weich, als emotional, als etwas das man sich leisten kann, wenn Zeit ist. Das Gegenteil ist richtig.
Empathie ist die Fähigkeit Signale zu lesen, bevor sie zu Problemen werden. Sie erkennt Überlastung, bevor jemand zusammenbricht. Sie spürt Konflikte, bevor sie eskalieren. Sie registriert Unsicherheit, bevor sie zu Fehlern führt.
Sie ist In der Intensivpflege überlebenswichtig. Nicht nur für Patienten, auch für Teams. Wer nicht spürt wann eine Kollegin an der Grenze ist, riskiert Ausfälle. Wer nicht merkt, dass Angehörige mit der Situation überfordert sind, produziert Konflikte. Wer nicht wahrnimmt dass ein Prozess nicht funktioniert, verliert Qualität.
Empathie ist kein Bauchgefühl. Sie ist strukturierte (gerlernte) Wahrnehmung. Sie bedeutet: hinschauen, zuhören, ernst nehmen. Und dann handeln.
Das Paradoxe ist in meinen Augen: Gerade in Organisationen die unter Druck stehen, wird Empathie als Luxus behandelt. Es fehlt die Zeit für Gespräche. Es fehlt der Raum für Reflexion. Es fehlt die Kultur Überlastung anzusprechen, bevor sie chronisch wird und es bis zum Leistungsabfall weitergeht. Die Verluste - egal welcher Art - kann man regelrecht riechen.
Dabei ist Empathie keine Zeitfrage. Sie ist eine Entscheidung. Man kann ein Gespräch in fünf Minuten führen das verhindert, dass jemand in drei Wochen ausfällt. Man kann eine Beobachtung teilen, die einen Fehler verhindert. Man kann eine Frage stellen, die Klarheit schafft.
Aber dafür braucht es Menschen, die zuhören und Systeme die das zulassen.
Führung zeigt sich nicht in ruhigen Zeiten. Sie zeigt sich, wenn Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen. Wenn keine Zeit für Abstimmungen bleibt. Wenn klar werden muss: Wer trägt die Verantwortung?
Die Tribüne und der Tisch
Es gibt Menschen, die analysieren gerne. Sie schreiben Gutachten, erstellen Konzepte, halten Vorträge. Sie erklären warum etwas nicht funktioniert hat und wie man es besser hätte machen können. Es werden Teams modeliert, in denen man selbst glänzt und lieber auf einer Stage steht, anstelle selbst zu wissen wie es geht.
Und dann gibt es Menschen die tragen. Die da sind, wenn es drauf ankommt. Die Entscheidungen treffen, auch wenn sie falsch sein könnten. Die Verantwortung übernehmen, auch wenn niemand applaudiert.
Der Unterschied ist nicht die Intelligenz. Der Unterschied ist die Bereitschaft, sich exponiert zu machen.
In der Intensivpflege und -medizin gibt es keine Tribüne. Dort ist jeder am Tisch. Und wer am Tisch sitzt, muss entscheiden. Nicht theoretisch. Nicht später. Jetzt.
Das ist keine Heldengeschichte. Das ist Handwerk. Und es ist das, was Schmidts Satz meint: In der Krise beweist sich der Charakter.
Nicht, weil man perfekt ist. Sondern weil man da ist und sich KÜMMERT.