von Axel Hillebrandt
Empathie ist Effizienz - Artikel 3
Es gibt ein Missverständnis über Empathie, das sich hartnäckig hält. Man denkt Empathie sei etwas Weiches. Etwas für Menschen die gerne fühlen, die sich Zeit nehmen, die es sich leisten können langsam zu sein. Etwas, das man sich in Krisenzeiten nicht leisten kann.
Das Gegenteil ist wahr.
In der Intensivpflege ist Empathie kein Luxus. Sie ist ein Frühwarnsystem. Wer die Zeichen nicht liest, wer nicht bemerkt dass sich etwas verändert, wer nicht spürt wann ein Patient kippt, der verliert Zeit. Und Zeit ist auf einer Intensivstation das was zwischen Leben, Pflegefall und Tod entscheidet.
Empathie bedeutet nicht mitzufühlen. Empathie bedeutet zu verstehen. Zu verstehen, was ein Mensch braucht bevor er es sagen kann. Zu verstehen wann eine Situation eskaliert, bevor die Zahlen rot werden. Zu verstehen, wann ein Team auseinanderfällt bevor jemand kündigt.
Das ist keine emotionale Intelligenz. Das ist operative Intelligenz.
In Unternehmen redet man gerne über KPIs, über Daten, über Metriken. Man misst Performance, Conversion Rates, Retention, ROI. Alles wird erfasst, analysiert, optimiert. Aber was misst man nicht? Die Signale die vorher kommen. Die kleinen Verschiebungen, die zeigen dass etwas nicht stimmt. Die Veränderungen im Ton, in der Haltung, in der Kommunikation.
Ein Team das plötzlich keine Fragen mehr stellt. Ein Mitarbeiter der nicht mehr widerspricht. Ein Meeting in dem alle nicken, aber niemand etwas sagt. Das sind keine KPIs. Aber es sind Vitalparameter. Und wer sie nicht liest, wartet bis das System kollabiert. Es Verluste hagelt und das "nicht Kümmern" sich auf andere Kollegen/Menschen auswirkt. Die Firma sogar schädigt.
Auf einer Intensivstation gibt es Vitalparameter die man messen kann: Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Partialdrücke, Blutbilder, und so weiter bis die Krankenkasse die obere Etage schließen muss. Aber kein Monitor zeigt an wann ein Patient Angst hat. Kein Sensor misst wann jemand aufgibt. Kein Algorithmus erkennt wann die Unruhe in Panik umschlägt.
Das erkennt nur ein Mensch der hinschaut. Der versteht was die Zahlen nicht sagen. Der weiß, dass ein Patient der plötzlich ruhig wird nicht entspannt ist, sondern erschöpft. Der weiß dass ein Mitarbeiter, der plötzlich keine Fehler mehr meldet, nicht besser geworden ist, sondern aufgegeben hat.
Empathie ist die Fähigkeit diese Signale zu lesen. Und das ist kein Soft Skill. Das ist ein Überlebensvorteil.
In einem Unternehmen sieht das genauso aus. Man kann alle Prozesse optimieren, alle Tools einführen, alle Metriken tracken. Aber wenn man nicht versteht was im Team passiert nicht versteht was neue Führiungskräfte anrichten, wenn man nicht spürt wann jemand überlastet ist, wann die Kommunikation bricht, wann Vertrauen verloren geht, dann hilft keine Metrik der Welt.
Ein "mögliches" Beispiel: Ein Team liefert schlechte Ergebnisse. Die Zahlen sind rot. Die Deadlines werden gerissen. Die Qualität sinkt. Man könnte jetzt einen Performance Improvement Plan aufsetzen, mehr Meetings einführen, die Prozesse verschärfen. Man könnte Druck aufbauen, Verantwortung einfordern, Konsequenzen androhen.
Oder man könnte hinschauen.
Vielleicht ist das Team nicht unfähig. Vielleicht ist es überlastet. Vielleicht fehlt Klarheit. Vielleicht gibt es Konflikte, die niemand ausspricht. Vielleicht hat jemand ein Problem, das nichts mit der Arbeit zu tun hat, aber alles mit der Leistung. Wer sich die Zeit nimmt, das zu verstehen, spart Zeit. Wer die richtigen Fragen stellt muss nicht reparieren, was später kaputtgeht. Wer früh eingreift muss nicht später aufräumen.
Das ist Empathie als Effizienz. Nicht als Gefühl, sondern als System.
Aber es gibt auch das Gegenteil. Es gibt Führungskräfte die Empathie simulieren, aber nicht praktizieren. Die in Townhalls von Vertrauen reden, aber nie erreichbar sind oder ihren LinkedIn Posts mehr Aufmerksamkeit schenken. Die sich in Krisenzeiten vor die Kamera stellen, aber nicht vor ihr Team. Die Empathie als Performance inszenieren, nicht als Haltung.
Sie kommen wenn die Kameras laufen. Sie fragen wie es einem geht, aber warten die Antwort nicht ab. Sie sagen dass ihnen die Menschen wichtig sind, aber treffen Entscheidungen, als wären es Zahlen. Sie sind sichtbar wenn es nützt. Unsichtbar, wenn es unbequem wird.
Das ist keine Führung. Das ist Selbstdarstellung.
Auf einer Intensivstation würde so jemand auffallen. Dort kann man sich nicht verstecken. Dort sieht man sofort, wer handelt und wer nur redet. Dort gibt es keine Bühne, auf der man sich inszenieren kann. Dort gibt es nur das Bett, den Patienten, die Entscheidung.
In Unternehmen ist das anders. Dort kann man sich profilieren, ohne zu liefern. Dort kann man Empathie behaupten, ohne sie zu zeigen. Dort kann man sich vor das Team stellen, ohne sich für das Team einzusetzen.
Toxische Führungskräfte nutzen Empathie als Werkzeug. Sie setzen sie ein, wenn es ihnen nützt. Sie zeigen Verständnis, um Loyalität zu erzeugen. Sie hören zu, um Informationen zu sammeln. Sie sind präsent, um gesehen zu werden. Aber sie kümmern sich nicht. Sie inszenieren sich.
Der Unterschied ist einfach: Wer sich wirklich kümmert, ist auch da, wenn niemand hinschaut. Wer sich nur profiliert, ist nur da, wenn es zählt. Für ihn.
Empathie ist kein Werkzeug. Sie ist eine Haltung. Und Haltung zeigt sich nicht in dem, was man sagt, sondern in dem, was man tut. Vor allem dann, wenn niemand zusieht.
Auf einer Intensivstation nennt man das klinische Kompetenz. Man schaut hin, bevor die Zahlen kippen. Man handelt, bevor die Maschinen Alarm schlagen. Man versteht, was der Patient braucht, bevor er zusammenbricht.
In Unternehmen nennt man das oft nicht. Man nennt es vielleicht Führung. Oder Erfahrung. Oder Bauchgefühl. Aber es ist das Gleiche. Es ist die Fähigkeit, Muster zu erkennen, die noch nicht in den Daten stehen. Es ist die Fähigkeit, zu verstehen, was Menschen brauchen, bevor sie es sagen.
Und das ist keine Zeitverschwendung. Es ist die einzige Art, Zeit zu gewinnen.
Wer wartet, bis die KPIs rot werden, wartet zu lange. Wer wartet, bis jemand zusammenbricht, wartet zu lange. Wer wartet, bis ein Team auseinanderfällt, wartet zu lange.
Empathie ist kein Gefühl, das man sich leisten kann, wenn man Zeit hat. Empathie ist das, was einem Zeit gibt. Sie ist die Fähigkeit, Probleme zu sehen, bevor sie Krisen werden. Sie ist die Fähigkeit, Menschen zu verstehen, bevor sie scheitern. Und sie ist die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, bevor jemand darum bittet.
Das ist nicht weich. Das ist präzise. Das ist nicht langsam. Das ist vorausschauend. Das ist nicht emotional. Das ist operativ.
Empathie ist Effizienz. Wer das nicht versteht, hat nie gesehen, wie schnell ein System kollabiert, wenn niemand hinschaut. Und wer Empathie nur spielt, hat nie verstanden, was Führung bedeutet.