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OUT OF BRAIN

von Axel Hillebrandt

Die Falschen schweigen: Über Dunning-Kruger, Scham und das Schweigen der Kompetenten

Abstrakte KI Illustration von zwei gegenüberstehenden Personen, eine groß und laut, die andere kleiner und ruhig dargestellt.

Es gibt ein Muster! In Teams, in Meetings, in Organisatione, auf Konferenzen, in Podcasts, auf LinkedIn.

Die Lautesten sind selten die Klügsten. Und die Klügsten sind selten laut.

Das ist keine Behauptung. Es ist ein psychologisches Phänomen mit Namen: der Dunning-Kruger-Effekt. Benannt nach den Psychologen David Dunning und Justin Kruger, die Ende der 1990er Jahre etwas nachwiesen, das die meisten Menschen intuitiv kennen, aber selten aussprechen. Menschen mit geringer Kompetenz überschätzen ihre Fähigkeiten. Menschen mit hoher Kompetenz unterschätzen sie.  Die Konsequenz mE: Die Falschen reden. Und die Falschen schweigen.

Die Mechanik der Selbstüberschätzung
Dunning und Kruger testeten Probanden in verschiedenen Bereichen. Logik, Grammatik und Humor. Das Ergebnis war konsistent. Diejenigen, die am schlechtesten abschnitten, schätzten sich am besten ein. Und diejenigen, die am besten abschnitten, unterschätzten ihre Leistung. Der Grund ist banal und brutal ehrlich zugleich. Wer wenig weiß, weiß nicht was er nicht weiß. Ihm fehlt die Kompetenz seine eigene Inkompetenz zu erkennen. Er sieht keine Lücken, weil er nicht weiß wo er suchen müsste. So interessant wie diese Menschen sich fühlen, sind sie nicht. Wer viel weiß, sieht nur noch Lücken. Je mehr jemand versteht, desto klarer wird ihm wie viel er noch nicht versteht. Die Komplexität wird sichtbar und die Gewissheit schwindet. Das kann richtig demotivieren. Als Ergebnis kommt dabei heraus, das die Inkompetenten mit der Sicherheit derer auftretenen, die keine Zweifel kennen. Die Kompetenten zögern, relativieren, schränken ein und klingen unsicher, weil sie die Unsicherheit sehen die der andere nicht sieht.

Auf der Intensivstation
Die "besten" Pflegekräfte sind mitunter die vorsichtigsten. Nicht aus Angst. Aus Respekt vor der Komplexität. Sie wissen wie schnell sich ein stabiler Zustand ändern kann. Sie wissen, dass Gewissheit eine Illusion ist. Sie fragen nach, hinterfragen, ziehen zweite Meinungen ein. Nicht weil sie unsicher sind, sondern weil sie wissen was auf dem Spiel steht. Die "gefährlichsten" sind die Selbstsicheren. Die, die keine Fragen haben. Die, die alles schon wissen. Die, die Routinen als Wahrheiten behandeln. Das heißt per se nicht das sie nicht pflegen können oder einfülsam sind, sondern eher in diesem speziellen Bereich nicht am besten ihrer Fähigkeiten eingesetzt sind. Ich gestehe, die richtige Wortwahl ist ein Tanz auf dem Drahtseil. In kritischen Situationen will man die Vorsichtigen an seiner Seite. Nicht die Lauten. Aber in Meetings, in Bewerbungsgesprächen, in Beförderungsrunden, da gewinnen dann doch oft die Lauten. Weil Sicherheit wie Kompetenz aussieht. Weil Zweifel wie Schwäche klingt. Weil niemand den Unterschied sehen will.

Die Bühne gehört den Falschen
Das Problem ist nicht dass es selbstüberschätzende Menschen gibt. Das Problem ist, dass Systeme sie belohnen. Wer in Meetings am lautesten spricht, bekommt Aufmerksamkeit. Wer keine Zweifel zeigt wirkt führungsstark. Wer komplexe Probleme auf einfache Antworten reduziert, klingt nach Lösung. Und ob es die richtige Lösung ist, bleibt in diesem Artikel offen. Die Leisen verlieren. Nicht weil sie nichts zu sagen hätten. Sondern weil sie gegen Gewissheit nicht ankommen. Weil differenzierte Aussagen in einer Welt der Soundbites untergehen. Weil "Ich bin mir nicht sicher" wie Inkompetenz klingt, während "Das ist ganz einfach" wie Expertise klingt. Mit der Zeit verstummen die Kompetenten. Sie ziehen sich zurück. Sie hören auf in Meetings zu sprechen. Sie überlassen den Raum denen, die ihn beanspruchen. Und die Organisation verliert ohne es zu merken. Weil die besten Ideen nie ausgesprochen werden. Weil die wichtigsten Einwände nie gehört werden. Weil die differenziertesten Stimmen verstummt sind. Die Auswirkungen werden auch innerhalb der "betrieblichen Gemeinschaft" spürbar, durch den Talk untereinander.

Die Scham der Kompetenten
Hier schließt sich für mich der Kreis zu dem, was ich in meinem Artikel über Scham geschrieben habe: Die Falschen schämen sich. Kompetente Menschen entwickeln oft das, was die Psychologie "Impostor-Syndrom" nennt: das Gefühl ein Hochstapler zu sein. Trotz nachweisbarer Erfolge. Trotz anerkannter Expertise. Sie glauben dass sie eigentlich nicht gut genug sind. Dass sie nur Glück hatten. Dass sie bald auffliegen werden. Die Inkompetenten kennen dieses Gefühl nicht. Sie haben keinen Grund an sich zu zweifeln. Sie sehen ihre Fehler nicht, also gibt es nichts wofür sie sich schämen müssten. Das ist für mich das eigentliche Paradox: Die Kompetenten fühlen sich als Betrüger. Die Inkompetenten fühlen sich als Experten. Und beide verhalten sich entsprechend. Die einen verstecken sich. Die anderen stellen sich aus. Was das für eine Gruppendynamik sein kann, egal welcher Branche, Firma oder gemeinschaftlicher Zusammenkünfte.

Was ich erwarte
Ich bin kein Führungstrainer. Ich verkaufe keine Seminare über "empathische Führung". Aber ich habe Erwartungen. Ich erwarte von Führungskräften, dass sie den Unterschied erkennen zwischen Sicherheit und Kompetenz. Dass sie die Leisen hören, bevor sie den Lauten glauben. Dass sie nachfragen, wenn jemand zu schnell zu einfache Antworten liefert. Ich erwarte dass Zweifel nicht als Schwäche behandelt werden. Dass "Ich bin mir nicht sicher" als Zeichen von Professionalität gilt und nicht als Disqualifikation. Wie viele Beiträge auf Instagram und Co. Verwirrung stiften, kann sich jeder selbst ansehen. Ich erwarte dass Räume geschaffen werden, in denen die Vorsichtigen sprechen können und nicht der sofortigen Kritik oder Heuchlerei der Lauten ausgesetzt sind. Nicht Räume, in denen die Lautesten gewinnen. Das ist keine weiche Forderung. Das ist harte Ökonomie die Effektivität generiert. Organisationen die die Lauten belohnen, verlieren ihre besten Köpfe. Nicht durch Kündigung, durch Verstummen und abarbeiten. Wer sich fragt wie Dunning-Kruger in der Praxis aussieht, muss nur durch LinkedIn oder Instagram scrollen. Dort finden sich die selbsternannten Spezialkräfte, die mit maximaler Sicherheit minimale Substanz verkaufen.

Die unbequeme Wahrheit
Dunning-Kruger ist kein akademisches Kuriosum. Es ist ein Strukturproblem. Solange wir (nicht nur Führungskräfte, auch wir die Arbeitenden) Sicherheit mit Kompetenz verwechseln, werden die Falschen aufsteigen. Solange wir Zweifel als Schwäche behandeln, werden die Besten schweigen. Solange wir Bühnen bauen die Lautstärke belohnen, werden wir die falschen Stimmen hören. Die Kunst des Kümmerns beginnt mit Zuhören. Aber Zuhören bedeutet auch: Den Leisen Raum geben. Die Zweifelnden ernst nehmen. Die Vorsichtigen schützen. Geduld aufbringen zum Hören und Differenzieren. Nicht weil es nett ist. Sondern weil dort die Substanz liegt.

DIE LAUTESTEN SIND SELTEN DIE KLÜGSTEN. UND DIE KLÜGSTEN SIND SELTEN LAUT.

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E-Mail: axel(at)axelhillebrandt.de

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