von Axel Hillebrandt
Der Unterschied zwischen Helfen und Kümmern - Artikel 2
Man kann jemandem helfen, ohne sich zu kümmern. Man kann sogar sehr viel helfen, ohne jemals wirklich präsent zu sein. Helfen ist eine Handlung. Kümmern ist eine Haltung.
Der Unterschied zeigt sich auf einer Intensivstation in Sekunden. Ein Patient klingelt, sofern er kann. Jemand kommt, stellt die Infusion um, richtet das Kissen, geht wieder. Geholfen. Aber nicht gekümmert.
Kümmern wäre gewesen: hinschauen, bevor geklingelt wird. Bemerken, dass die Atmung flacher wird, dass die Unruhe zunimmt, dass etwas nicht stimmt. Kümmern bedeutet den Menschen zu sehen, bevor er sich bemerkbar macht. Und dann zu handeln, nicht weil man gerufen wurde, sondern weil man verstanden hat was nötig ist.
Das klingt nach Empathie. Ist es auch. Aber Empathie ohne Struktur ist wertlos. Wer sich kümmern will, muss wissen was zu tun ist. Wer nur fühlt, aber nicht handelt, ist nicht präsent. Er ist bestenfalls mitfühlend. Schlimmstenfalls sogar im Weg. In Unternehmen sieht das ähnlich aus. Jemand im Team hat ein Problem. Die Zahlen stimmen z.B. nicht, die Kommunikation läuft schief, die Belastung steigt. Man kann helfen: ein Gespräch anbieten, Ressourcen freigeben, einen Workshop organisieren. Man kann auch sehr aktiv sein, sehr engagiert, sehr sichtbar. Und trotzdem nicht kümmern.
Denn Kümmern bedeutet das Problem zu sehen, bevor es eskaliert. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen ohne dass jemand darum bittet. Es bedeutet sich nicht nur um das Symptom zu kümmern, sondern um die Ursache. Und es bedeutet, da zu bleiben, auch wenn es unbequem wird.
Helfen ist oft reaktiv. Jemand fällt, man hilft ihm auf. Jemand fragt, man antwortet. Jemand scheitert, man greift ein. Das ist nicht falsch. Aber es ist nicht genug. Nur viel "Jemand" - unbedeutend. Kümmern ist vorausschauend. Es bedeutet, Systeme zu bauen die Menschen tragen, bevor sie fallen. Es bedeutet Fragen zu stellen, bevor Antworten nötig werden. Es bedeutet, präsent zu sein, bevor jemand ruft.
Auf einer Intensivstation kann man das messen. Wie oft klingelt ein Patient? Wie oft muss jemand um Hilfe bitten? Wie oft wird ein Problem erst sichtbar, wenn es akut ist? Wie oft äußert er Schmerzen? Wie oft wird Luftnot angegeben? Je öfter das passiert, desto weniger wird sich gekümmert? Je seltener, desto besser? Hat jemand verstanden, was Pflege bedeutet.
In Unternehmen gibt es keine Klingel. Aber es gibt Signale. Ein Mitarbeiter der plötzlich stiller wird. Ein Team, das keine Fragen mehr stellt. Ein Projekt, bei dem niemand mehr Verantwortung übernimmt. Wer sich kümmert sieht diese Signale. Wer nur hilft, wartet, bis jemand zusammenbricht.
Der Unterschied liegt nicht in der Absicht. Die meisten Menschen wollen helfen. Die meisten meinen es gut. Aber gut gemeint reicht nicht. Kümmern verlangt mehr als Wohlwollen. Es verlangt Aufmerksamkeit, Klarheit, Struktur. Und es verlangt, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn niemand sie von einem erwartet. Es gibt eine Szene, die ich oft erlebt habe. Ein Patient auf der Intensivstation, beatmet, sediert, nicht ansprechbar. Die Angehörigen sitzen am Bett, hilflos, verzweifelt. Sie wollen etwas tun, aber sie wissen nicht was. Also fragen sie: "Kann ich irgendetwas helfen?"
Wie soll die Antwort der Antworten sein? Die Antwort könnte lauten: Nein. Es gibt nichts zu tun. Aber es gibt etwas zu sein. Man kann da sein. Man kann die Hand halten. Man kann reden und streicheln. Man kann aushalten, dass man nichts ändern kann. Das ist kein Helfen. Das ist Kümmern.
In Unternehmen ist es dasselbe. Manchmal gibt es keine Lösung. Manchmal kann man ein Problem nicht beheben, einen Fehler nicht rückgängig machen, ein Team nicht retten. Aber man kann da sein. Man kann Verantwortung übernehmen. Man kann sich nicht verstecken. Helfen endet, wenn die Handlung erledigt ist. Kümmern bleibt. Es bleibt auch dann, wenn es unbequem ist. Es bleibt auch dann, wenn es keine Anerkennung gibt. Und es bleibt auch dann, wenn es wehtut.
Wer sich kümmert, stellt sich Fragen die andere nicht stellen. Nicht: "Wie kann ich helfen?" Sondern: "Was braucht dieser Mensch, bevor er fragt?" Nicht: "Was ist meine Aufgabe?" Sondern: "Was ist nötig, auch wenn es nicht in meiner Stellenbeschreibung steht?" Nicht: "Habe ich genug getan?" Sondern: "Bin ich präsent geblieben?"
Das ist anstrengend. Das verlangt mehr als guten Willen. Es verlangt hinzuschauen, auch wenn man lieber wegschauen würde. Es verlangt Verantwortung zu übernehmen, auch wenn niemand es merkt. Und es verlangt auch da zu bleiben, auch wenn andere längst gegangen sind. Kümmern ist kein Gefühl. Es ist eine Entscheidung. Und es ist die einzige Form von Hilfe die wirklich trägt.